Annie Ernaux: Der Platz

06. Dezember 2020  KEINE KULTUR OHNE KLASSE

Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux ist bekannt für eine liebevolle Schnörkellosigkeit, mit der sie der Klasse in die Seele schaut. In ihrem Buch „Der Platz“ tut sie dies erneut auf berührende Weise.

Der Protagonist, ihr Vater, verlässt mit zwölf Jahren die Schule und findet Arbeit in einer Seilerei. Er arbeitet hart, heiratet und als eines Tages seine Tochter, Annie Ernaux, zur Welt kommt, soll sie es besser haben als die Eltern. Sie geht zur Schule, lernt, liest Bücher und wächst intellektuell über die Eltern hinaus. „In meiner Erinnerung führte alles, was mit Sprache zu tun hatte, zu Ärger und Streit, viel mehr als Geld“, erinnert sie sich. Durch den allmählichen Bildungsaufstieg wechselt die junge Annie „langsam in eine kleinbürgerliche Welt hinüber“ und stößt auf eine schwer aufzulösende Widersprüchlichkeit dieses Prozesses. „Vor den Verwandten Verlegenheit, fast Scham, weil ich mit siebzehn noch kein eigenes Geld verdiente“, beschreibt Annie den Entfremdungsprozess, der für den Vater ebenso spürbar war wie für sie selbst. Wenn Annie Freundinnen aus dem Gymnasium oder der Universität mit nach Hause brachte, strengten sich die Eltern in einem gemeinsamen Kraftakt an, den materiellen Mangel und die intellektuelle Unbeholfenheit zu verbergen. „Wenn ich zu meinen Freundinnen ging, war ich selbstverständlich aufgefordert, an ihrem Familienleben, das sich durch meinen Besuch nicht im Geringsten veränderte, teilzunehmen. Ihre Welt, die den fremden Blick nicht fürchtete, stand mir offen, weil ich die Umgangsformen, Überzeugungen und den Geschmack meiner Welt abgelegt hatte.“ Annie Ernaux legt mit „Der Platz“ ein wichtiges Buch vor. Es wirft auf einfühlsame Weise einen Blick auf Klassenunterschiede und wirbt für einen nüchternen, aber wertschätzenden Blick darauf.

Von: Ulrike Eifler