Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse

20. Dezember 2020  KEINE KULTUR OHNE KLASSE

Das neue Buch von Christian Baron ist die Geschichte eines Jungen, der in einem der schlimmsten sozialen Brennpunkte aufwächst. „Wo eine Haustür vorhanden war, da schloss sie meist nicht richtig, Autos parkten nur wenige zwischen den Schlaglöchern, stattdessen blockierten demolierte Einkaufswagen des nahe gelegenen Supermarktes die Gehwege, zersprungene Fenster ließen Küchengespräche auf die Straße schallen, hinter dem Block gedieh das Gestrüpp, und der Sperrmüll türmte sich in vertrockneten Beeten, die vor sehr langer Zeit einmal als Vorgärten gedacht gewesen waren. Die Politik hatte die hier Lebenden weniger vergessen als verdrängt.“

Das Buch ist ein autobiografischer Roman, in dem sich die Kindheitserinnerungen des Autors mit seiner heutigen Sicht auf die Gesellschaft verbinden. Es die Geschichte eines Jungen, der zwischen beschämender Armut und roher Gewalt, verzweifelter Ohnmacht und unbeholfener Liebe, zwischen bedrückender Scham und unaussprechbarer Wut, gesellschaftlichem Frust und proletarischem Klassenstolz aufwächst. Und es ist gleichzeitig die Geschichte eines erwachsenen Mannes auf der Suche nach einer Vater-Sohn-Beziehung, die diesen Widersprüchen gerecht wird. Vor allem aber ist es ein Buch über die Klasse, das weit über eine sozialkritische Darstellung hinaus geht. Denn es stellt die Klasse urteilsfrei in all ihrer Hässlichkeit und Schönheit, in all ihrer Grobheit und Zärtlichkeit dar. Baron zeichnet damit das Bild einer starken wie verletzlichen Klasse, die in all diesen Widersprüchen ihren Mann und ihre Frau steht und der weder Mitleid noch Abschätzigkeit noch paternalistische Sozialbürokratie gerecht wird. Baron hat eines der persönlichsten, berührendsten und klügsten Bücher in diesem Jahr geschrieben. Es ist ein Buch, das man gelesen haben sollte, wenn man am Zustand gesellschaftlicher Ungerechtigkeit etwas ändern möchte.

Von: Ulrike Eifler