Debatte zum Homeoffice macht Spaltungen der Belegschaften sichtbar

19. Januar 2021  BLOG
BSpR

Die Bundesregierung hat heute neben weiteren neuen Einschränkungen Regelungen zum Homeoffice beschlossen. Ob Arbeit von zu Hause aus grundsätzlich erstrebenswert ist, wird nach Ende der Pandemie noch zu debattieren sein. In der jetzigen Situation erspart es den Beschäftigten das Infektionsrisiko auf dem Weg zur Arbeit und trägt so dazu bei, den Inzidenzwert zu senken. So weit, so gut.

Was aber ist mit denjenigen, die gar nicht ins Homeoffice gehen können? Das sind zum einen Beschäftigte, deren Arbeit von zu Hause nicht zu machen ist. Das gilt beispielsweise für die Pflege in Krankenhäusern oder Heimen, die Arbeit in den Gesundheitsämtern oder in Supermärkten, für Reinigungskräfte, Müllwerker, Lieferdienste oder Notbetreuungen. Nicht einmal der Staat ist dazu in der Lage, seine Verwaltung vom Homeoffice aus zu organisieren. Zum anderen müssen Millionen Beschäftigte tagtäglich in den Betrieb, um vor Ort an Maschinen, in Laboren oder in Werkshallen zu arbeiten, während ihre Kolleginnen und Kollegen aus der Verwaltung die Freiheit haben, dort zu arbeiten, wo sie mögen. Das birgt Sprengkraft und führt zu Spannungen zwischen Arbeitern und Angestellten. Insgesamt arbeiten in Deutschland mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Jobs, die nicht von zu Hause aus erledigt werden können.

Arbeitsschutz ist Arbeitgeberpflicht – im Betrieb und im Homeoffice

Auch diese Beschäftigten haben Angst vor Ansteckung. Statistiken im Bereich der Pflege zeigen, wie real diese Angst ist. Ärzte, Pflegekräfte und weitere Beschäftigte im Gesundheitswesen machen ein Sechstel der Einweisungen in Krankenhäuser für COVID-19 aus. Das erhöhte Risiko ist nicht nur das Ergebnis ihres direkten Patientenkontaktes, sondern auch ihrer langen Arbeitszeiten. Diese wurden im Zuge der Pandemie per Verordnung auf bis zu 12 Stunden täglich oder 72 Stunden wöchentlich ausgeweitet. Das Arbeiten in Schutzanzügen ist extrem anstrengend und erfordert eine hohe Konzentration. Ein Blick nach Wuhan zeigt: Kürzere Arbeitszeiten machen den Arbeitsalltag erträglicher und erhöhen die Konzentration. Als man dort die tägliche Arbeitszeit in den Krankenhäusern auf sechs Stunden halbierte, sind sowohl die Infektionszahlen des Pflegepersonals als auch die Sterberaten der Patienten gesunken.

Der Infektionsschutz gilt aber nicht nur für Beschäftigte im Homeoffice, sondern muss auch jenen gewährleistet werden, für die Arbeit von zu Hause schlicht unmöglich ist. Arbeitsschutz ist kein Neuland, sondern eine der wichtigsten Forderungen der frühen Arbeiterbewegung. Arbeitsschutz ist aber vor allem Arbeitgeberpflicht. Egal ob im Betrieb und im Homeoffice. Beschäftigte haben ein Recht auf sichere Arbeitsbedingungen. Anfragen der Linken im Bundestag haben ergeben, dass in knapp jedem fünften Betrieb in der aktuellen Pandemie keine speziellen Regelungen zum Arbeitsschutz umgesetzt werden. Je kleiner der Betrieb, desto desolater die Zustände. Reden in einem Viertel der Großbetriebe die Arbeitnehmervertretungen noch mit, werden in mehr als der Hälfte der Betriebe die Zuständigen für den Arbeits- und Gesundheitsschutz, wie Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit, gar nicht erst beteiligt. Einsparungen bei staatlichen Kontrollbehörden gefährden Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten, denn die Anzahl der Arbeitsschutzkontrollen hat sich in den letzten 10 Jahren halbiert. Ein Betrieb wird durchschnittlich alle 22,5 Jahre kontrolliert. Das grenzt an fahrlässige Körperverletzung.

Die Solidarität der Herrschenden ist nicht unsere

Es gibt noch eine dritte Gruppe. Auch für sie bringt die verschärfte Homeoffice-Regelung nichts. Es ist die Gruppe derjenigen, die seit Monaten unfreiwillig ohne Arbeit zu Hause bleiben muss: Künstler, Kulturschaffende, Friseure, Beschäftigte im erweiterten Einzelhandel, Volkshochschulen, Sportvereinen, Restaurants, Cafés oder Musikschulen. Für viele von ihnen stellt sich nicht die Frage nach dem Schutz vor dem Virus, sondern vielmehr die Frage vor dem Schutz vor dem sozialen Absturz. Sie haben sich im Sommer auf die Pandemie vorbereitet, Hygienekonzepte erarbeitet, die sicherstellen sollten, dass sich niemand ansteckt. Viele von ihnen sitzen jetzt zu Hause und zermartern sich das Hirn, wie das alles weitergehen soll.

Die Pandemie trifft als exogener Schock auf erschöpfte Gesellschaften. Eine jahrzehntelange Politik aus Privatisierung, Deregulierung und Flexibilisierung hat die Belegschaften prekarisiert und gespalten. Der verschärfte Lockdown wirkt sich nicht auf alle gleichermaßen aus, sondern trifft auf eine gespaltene Arbeitswelt. Dort verstärkt er die vorhandenen Spaltungen. Zu glauben, er wird solidarisch allein dadurch, dass wir ihn solidarisch nennen, ist Augenwischerei. „Unsere Arbeit“, sagte der Gewerkschafter Willi Bleicher einmal, „war nie einfach – aber sie war immer erfolgreich, wenn wir solidarisch zusammenstanden.“ Der exogene Schock der Pandemie führt dazu, dass die unterschiedlichen Teile der Gesellschaft zusammenrücken, um sich gemeinsam zu schützen. Die großen gesellschaftlichen Trennlinien der Klassenspaltung verwischen durch allgemeine Solidaritätsappelle. Was es jetzt braucht, ist ein Solidaritätsbegriff, der sich von dem der Herrschenden abhebt, Spaltungen überwindet und Klassensolidarität stärkt.

von Ulrike Eifler und Jan Richter, Bundessprecher AG Betrieb & Gewerkschaft

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