Ratgeber Marx

»Transformation« ist und wird auf absehbare Zeit ein gewerkschaftliches Kernthema sein. Dabei geht es um tiefgreifende Umwälzungen in Folge der Digitalisierung der Unternehmen, der Dekarbonisierung von Produktion, Logistik und Energiegewinnung sowie der Neuverteilung von Wertschöpfungsketten auf den Weltmärkten. Von welch großem Vorteil es sein kann, wenn man zur Beurteilung dieser Entwicklungen die Marxsche Kapitalismusanalyse zu Rate zieht, macht ein Buch von fünf profilierten Autor*innen deutlich:

Die erste Antwort – Marx als Gewerkschaftsstratege – lautet: Transformation vollzieht sich im Rahmen einer Klassengesellschaft, die durch den Interessengegensatz von Lohnarbeit und Kapital geprägt ist. In dieser Widerspruchskonstellation liefert das Paradigma der Modernisierung, das auch in den Gewerkschaften einige Zeit in Mode war, falsche Orientierung. Um den „entfesselten Kapitalismus der Gegenwart“ zu verstehen, ist, so Frank Deppe, „…auf jeden Fall zu empfehlen, dass die gewerkschaftseigenen Thinktanks, aber auch die Bildungsprogramme für die eigenen Schulen, die Erkenntnisse neuerer marxistischer Analysen (…) zur Kenntnis nehmen.“

Zweite Antwort – Marx als Ökonom: Die Entwicklung der Produktivkräfte findet in einem profitgesteuerten Regime, vor allem in einem System finanzmarktgetriebener Akkumulation, vermittelt über Krisenprozesse statt. Mehr noch: Es handelt sich um Rationalisierungsprozesse, die auf Kosten- und Personaleinsparung zielen. Heinz Bierbaum zieht daraus die Schlussfolgerung: „Gewerkschaften sollten sich mit wirtschaftsdemokratischen Konzepten neu profilieren.“

Dritte Antwort – Marx als Arbeitspolitiker: Transformation ist kein per se technikgetriebener Prozess. „Für sich genommen besagt Technologie (…) nichts über Verlauf und Charakter von Veränderungsprozessen. Sie als Treiber der Geschichte zu betrachten, dürfte Marx als eine reichlich absurde Vorstellung erschienen sein“ (Nicole Mayer-Ahuja). Es geht um politische Regulierung: um betriebliche Arbeitspolitik ebenso wie um Eckpunkte eines neuen Normalarbeitsverhältnisses, um prekäre bzw. informelle Arbeit in einer zunehmend zerklüfteten und gespaltenen Welt sowohl im »Globalen Norden« wie im »Globalen Süden« zu überwinden und grenzüberschreitende Solidarität praktisch wirksam werden zu lassen.

Vierte Antwort – Marx als Ökosozialist: Der Gegenwartskapitalismus befindet sich in einer ökonomisch-ökologischen Zangenkrise. „Sofern Wirtschaftswachstum überhaupt noch generiert werden kann, zehren die mit ihm verbundenen ökologischen und sozialen Destruktivkräfte den äußerst ungleich verteilten Wohlfahrtsgewinn nicht nur auf, sondern – und das ist historisch neu – sie kumulieren sich bis zu einem Schwellenwert, an dem eine irreversible Destabilisierung globaler Ökosysteme einsetzt“ (Klaus Dörre). Schlussfolgerung: Wenn Entscheidungen über das Wie, Was und Wozu von Produktion und Dienstleistungen die kollektive Zukunft infrage stellen, wird umfassende Demokratisierung zu einem Überlebensinteresse.

Fünfte Antwort – Marx und die Gewerkschaften heute: Die abwehrende Haltung, mit der Marx als »toter Hund« erachtet wird, verschenkt Erkenntnisse und strategische Beweglichkeit. „Die Impulse, die vom Marxschen Werk für eine zeitgemäße Gewerkschaftspolitik ausgehen können, sind vielfältig und beeindruckend“ (Hans-Jürgen Urban). Die Analysen in diesem Buch beleuchten die tiefen Krisenprozesse des Gegenwartskapitalismus, verweisen aber auch auf die Pfade, „…die uns aus dem Gegenwartskapitalismus hinaus und in eine sozial, ökologisch und demokratisch nachhaltige Gesellschaft hineinleiten können“.

Ein Buch mit hohem Gebrauchswert – gerade für Gewerkschafter*innen.

 

von Richard Detje, Hamburg

 

Nicole Mayer-Ahuja/Heinz Bierbaum/Frank Deppe/Klaus Dörre/Hans-Jürgen Urban

Karl Marx – Ratgeber der Gewerkschaften?

Fünf Antworten

VSA-Verlag Hamburg 2019

109 Seiten, 9,80 €