Wolfgang Schorlau: Rebellen

14. Dezember 2020  KEINE KULTUR OHNE KLASSE

Wolfgang Schorlau erzählt die Geschichte von Paul Becker und Alexander Helmholtz. Der eine wächst im Waisenhaus auf, der andere kommt aus einer begüterten Unternehmerfamilie. Der eine macht eine Ausbildung zum Feinmechaniker, der andere geht aufs Gymnasium. Beide politisieren sich in den sechziger Jahren, organisieren sich im maoistischen Bund Kommunistischer Arbeiter. Dem einen geht es um soziale Gerechtigkeit und die Beseitigung von Mangel. Der andere rebelliert gegen sein bürgerliches Elternhaus und träumt von Freiheit.

Wolfgang Schorlau wählt die Jugendrebellion der sechziger und siebziger Jahre als Kulisse für eine ungewöhnliche Freundschaft und verarbeitet darin literarisch das widersprüchlich-fragile Verhältnis von Klasse und Protestbewegung. Nicht zufällig werden die Polizeikontrollen nach den RAF-Morden zur Schlüsselszene des Buches. Sie dienten der Regierung nicht nur zur Herstellung von Sicherheit, sondern auch zur Disziplinierung einer rebellierenden Generation: „In den nächsten Jahren geriet ich sieben Mal in Polizeikontrollen. Sieben Mal sah ich die Läufe von Maschinenpistolen. Es war kein Spaß. Die Staatsmacht zeigte ihre Instrumente. Einer ganzen Generation. Uns. Sie zeigte eindrucksvoll, dass sie schießen würde. Bis hierher und nicht weiter. Ich glaube, bis heute, dass es nicht nur um die paar Irren von der RAF ging. Einer ganzen Generation wurde die Grenze gezeigt. Und die wurde dann auch weitgehend akzeptiert. Danach kamen nur noch Lichterketten. Und inmitten dieses Wahnsinns starb Alexanders Vater.  Sein Sohn zog einen guten Anzug an, konnte die Straßensperre passieren und reihte sich ein in die trauernde Familie.“ Ein wunderbares Buch darüber, dass es am Ende nicht egal ist, aus welcher Klasse man kommt.

Von: Ulrike Eifler